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Schulung zur patientengerechten Rettung bei Verkehrsunfällen
// Schulung zur patientengerechten Rettung bei Verkehrsunfällen 25.07.2018
Andre Weiss spricht von der "goldenen Stunde des Lebens", vom Moment des Unfalls bis zum Erreichen der Klinik. Jene Stunde also, die alles entscheiden kann. Weiss ist Feuerwehrmann und Kommandant mit Leib und Seele. Und er ist Spezialist, wenn es darum geht, Menschen aus zerstörten Autos zu retten. Zum zweiten Mal schon war der vielbeschäftigte Experte aus dem schwäbischen Ofterdingen zu Gast in der Salzachstadt "Patientengerechte Unfallrettung" lautete der Titel des Eineinhalb-Tage-Seminars, bei dem gut 20 Aktive der Laufener Wehr engagiert dabei waren.

Drei völlig demolierte Autos stehen im Hof des neuen Feuerwehrhauses, befreit von allen Flüssigkeiten und kostenlos zur Verfügung gestellt von einem Traunsteiner Entsorgungsbetrieb. Die Fahrzeuge liegen auf dem Dach und auf der Seite. Keine Frage: Diese Autos waren in schwere Unfälle verwickelt, die Insassen mit hoher Wahrscheinlichkeit eingeklemmt und verletzt. Die gilt es, sicher herauszubringen. Mit allem, was den Einsatzkräften zur Verfügung steht.

Zunächst ist es wichtig, das Fahrzeug in seiner Lage zu stabilisieren. Oder aufzurichten - je nachdem, wie die Verletzten am besten und sichersten herauszubringen sind. Da kann es schon mal nötig sein, die Bodenplatte aufzuschneiden, um die Beine des Unfallopfers aus den Pedalen zu befreien. 107 Tonnen Schneidkraft braucht die Rettungsschere, um die A- oder B-Säule eines modernen Fahrzeugs zu durchtrennen. 20 und 26 Kilogramm wiegen die beiden mit 700 -Bar Druck betriebenen Hydraulik-Spreizen. In voller Montur damit zu arbeiten, zum Teil über Kopf, bedeutet eine extreme Belastung. "Hernach bist du fertig", sagt Zugführer Thomas Hauptmann. Moderne Fahrzeuge sind einerseits sicherer, andererseits aber kann eine Rettung dadurch länger dauern. Bei zunehmend alternativen Antriebsformen sehen sich die Retter mit neuen Herausforderungen konfrontiert.

Um das und vieles mehr ging es in ·dem dreistündigen Theorieteil am Vorabend, um Transporter, Lkw und Massenkarambolagen. Eine solche hat Andre Weiss mitsamt 400 Einsatzkräften schon einmal eins zu eins nachgestellt. 2011 waren bei einem Sandsturm nahe Rostock 96 Autos ineinander gekracht, acht Menschen starben, 40 Insassen waren eingeklemmt. Weiss ist hauptberuflich Gesamtkommandant der Feuerwehr Herrnburg mit 300 Aktiven und schult Kameraden in ganz Deutschland, entweder vor Ort wie in Laufen oder bei einem deutschen Automobilhersteller, der ihm jährlich 20 bis 30 Prototypen zum Training zur Verfügung stellt.

An rund 30 Samstagen im Jahr ist der 48-Jährige dafür im Einsatz. Sein Rettungskonzept ist abgestimmt mit dem Rettungsdienst und den Notärzten im Kreis Tübingen und dort Standard. Weiss empfiehlt eine Schulung alle zwei Jahre, "denn es gibt immer wieder Neues". An diesem Samstag instruiert er die einzelnen Gruppen und lässt sie an den verschiedenen Fahrzeugen arbeiten, bis die fiktiven Insassen befreit sind.

Was hier als Übung passiert, kann schnell zum Ernstfall werden. "Die psychische Belastung ist enorm", sagt Laufens Kommandant Herbert Kitzberger, "zunächst dominiert das Adrenalin, das andere kommt erst hinterher." So manche Unfallopfer konnten Kitzberger und seine Kameraden nur noch tot und verbrannt aus den zerstörten Autos holen.

Vereinsvorsitzender Florian Brandl empfiehlt allen Autobesitzern eine sogenannte „Rettungskarte“. Ein Aufkleber an der Frontscheibe verweist auf diese Karte hinter der Sonnenblende. Auf einem Blatt ist das Fahrzeug im zweifachen Schnitt abgebildet, so wissen die Retter sofort: Wo ist der Tank, wo die Batterien und wo andere wichtige Technik?

Ein Bauplan des jeweiligen Fahrzeugs kann auch über die Rettungsleitstelle angefordert werden. Dafür genügt die Angabe des Kennzeichens. Ein Problem dabei ist das lückenhafte Funknetz in der Region. Schon im September steht für acht Aktive die nächste Schulung an: Aus einem Kesselwagen der Bahn tritt Gefahrgut aus.
 
Autor: Hannes Höfer Fotos:  Feuerwehr Laufen (66 Bilder)
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